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Erzählungen
Diese schöne Erzählung, geschrieben von meinem Vater Heinrich Kaisinger, erschien in der aktuellen Ausgabe des Heimatkalenders Speckswinkel 2008.
Zwei Tage Kindergarten reichten!
von Heinrich Kaisinger
Wie man versuchte, ein kleines wildes Tier (Menschenkind) in die sogenannte Zivilisation einzugliedern.
Bei Wilhelm Busch steht: "Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh; nicht allein am Schreiben, Lesen übt sich ein vernünftig Wesen; nicht allein in Rechnungssachen soll der Mensch sich Mühe machen; sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören."
Dass dies mit Verstand geschah, war im Speckswinkeler Kindergarten Tante Jetchen da.
So sahen dies auch meine Eltern, die mit ihrer Entscheidung, mich endlich mit beinahe fünf Jahren in den Kindergarten zu bringen, zum Teil auch dem Druck linientreuer Nazis nachgaben.
Bei Schneirersch Liesbeth in Hatzbach wurde eine Frühstücksbüchse zum Umhängen gekauft und eine kleine Blechflasche mit Schnellverschluss.
Am nächsten Morgen mit Wurstbrot in der Büchse und Holunderwasser in der Flasche traten wir, die Gorrel und ich, den Weg in Richtung Speckswinkel an. Meine Mama hatte wieder einmal einen schweren Gichtanfall und konnte das Bett nicht verlassen. Dass mich die Gorrel in den Kindergarten brachte, sah ich als Vorteil, denn vielleicht konnte ich sie auf dem Weg nach Speckswinkel noch davon überzeugen, dass ich einen Kindergarten überhaupt nicht brauchte.
Wir nahmen die Abkürzung durch den Hinkelsberg, ein Waldstück zwischen der Wolfsmühle und Speckswinkel. Ich versuchte nun mit allen Regeln der Kunst die Gorrel davon zu überzeugen, dass meine Abwesenheit von der Mühle, von den ganzen Tieren, von ihr und von der Mama wohl kaum zu verantworten wäre. Doch unbeirrt schritt sie weiter und ihr Händedruck wurde beinahe fest und energisch. "Nu hern off zu jammern, die Mama on de Baba winn dos, on ich min och, desses so rechtich es!" Damit war das Thema beendet. Es schien wohl heute nicht mein bester Tag zu sein. Und so schritten wir wortlos in Richtung Speckswinkel.
Endlich am Kindergarten angekommen, wurde ich von den anderen Kindergartenkindern mit Hallo empfangen. "Wenn die wüssten", dachte ich bei mir, denn mir war nun wirklich nicht zum Lachen und erst recht hatte ich keinen Grund zur Freude.
Der damalige Kindergarten befand sich im unteren Stock des Gemeindehauses, ortsüblich auch Armenhaus genannt. Im Oberen Stock wohnte die Familie Heinrich Baum. Auf der linken Seite befand sich eine Garage, in der die Feuerwehr ihre Utensilien hatte.
Mittlerweile war auch Tante Jetchen aus Hatzbach mit ihrem Fahrrad eingetroffen. Sie begrüßte uns sehr nett und lieb, nahm mich gleich bei der Hand, ging mit mir die Treppe hoch in den Raum, den man Kindergarten nannte.
Als sogenanntes wildes Tier hatte ich instinktiv die augenblickliche Situation sofort erfasst. Ich merkte, dass ein Entkommen aus diesem Raum auf normalem Wege kaum möglich war. Draußen war ja bestimmt noch die Gorrel, schoss es mir durch den Kopf. Ich sprang so schnell, dass Tante Jetchen kaum reagieren konnte, aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und rief nach meiner Gorrel. Doch die war scheinbar schon gegangen.
Ich hatte meine Situation gerade erkannt, da packte mich Tante Jetchen auch schon am Arm, ermahnte mich mit aller Güte aber sehr bewusst und zog mich hinter sich her in das Kindergartenzimmer. Damit hatte sie für ewig und immer ihre Sympathien bei mir verscherzt. Der Morgen verlief für mich noch relativ abwechslungsreich. Es wurde gespielt und gemalt, zwischendurch auch gesungen und kleine Tanzspiele gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass man sich besonders wegen mir die allergrößte Mühe gab, um mich von der netten Atmosphäre im Kindergarten zu überzeugen.
Leider stellte ich fest, dass all das, was man so in dem Kindergarten machte, für mich nichts Neues war, denn das hatte ich bei meiner Mama, bei meiner Schwester, bei der Leni und auch bei Onkel und Tante von der Nachbarmühle (Kahlsmühle) auch schon längst gelernt und gemacht; ich konnte schon viel mehr. Warum steckte man mich überhaupt in diesen komischen Kindergarten?
Mittlerweile war es Mittag geworden. Alle Kinder saßen an den kleinen Tischen und packten ihre mitgebrachten Butterbrote und Trinkflaschen aus; natürlich auch ich. Mein Holunderwasser machte andere Kinder schon neugierig, wer hatte schon so etwas Tolles zum Trinken? Die Holunderblüten hatte ich ja auch ganz alleine besorgt. Unten an der Brücke, wo der Mühlenweg die Hatzbach überquerte, stand ein ganz großer Holunderbusch. Dort hatte ich die Blüten geholt und wäre beinahe in die Hatzbach gefallen. Nun ja, bei so schönen Blüten muss man eben ein Risiko eingehen.
Wieder wurde ich aus meinen Träumen gerissen, als plötzlich von Tante Jetchen die Aufforderung kam, dass jedes Kind sich ein Bettchen für den Mittagsschlaf holen sollte. Ich hatte diese komischen Gestelle, die hinten an der Rückseite des Zimmers standen, schon am Morgen gesichtet, konnte aber zunächst nicht einordnen, was es mit diesen komischen Gestellen auf sich hatte. Ich folgte natürlich ebenfalls brav dieser Aufforderung und holte mir auch ein solches angebliche Bettchen. Ich kämpfte nun zunächst mit diesem komischen Ding, um es funktionsgerecht aufzustellen.
Die Füße mussten umgeklappt, das Kopfteil etwas hochgestellt werden. Im Regal lagen kleine Kissen und Decken. Die Kissen kamen unter den Kopf und mit den Decken mussten wir uns zudecken. Die Decken kamen mir irgendwie bekannt vor; wir hatten zu Hause auch solche Decken, die hatte mein Vater von Allendorf aus dem Munitionswerk mitgebraucht.
Als wir nun endlich alle lagen, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass die meisten der Kinder sogar schliefen. Das war für mich sonderbar. Wie kann man denn am Mittag schon müde sein?
Ich habe mir die ganze Geschichte so eine Weile angeschaut und musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass mittlerweile alle Kinder schliefen, sogar Tante Jetchen schien eingenickt zu sein. Das alles war für mich eine sonderbare und kaum nachvollziehbare Sache.
Gerade mittags, wenn es auf der Mühle am schönsten war, lagen die alle hier herum und schliefen! Das war auf der Mühle die Zeit, wo ich meine Hasen fütterte, wo ich nachschaute, ob die Hühner schon alle Eier gelegt hatten; das kleine Ziegenlämmchen bekam seine zweite Milchflasche und mein kleiner Spitz wartete schon, bis ich mit ihm spazieren ging; und die hier lagen alle auf den komischen Gestellen und schliefen.
Es war ein herrlicher Spätsommertag, so hatte meine Mama gesagt, als sie mich und die Gorrel am Morgen verabschiedete, denn sie konnte ja so weit nicht laufen, hatte wohl auch ganz schlimme Schmerzen und musste zu Hause bleiben. Sie hatte auch etwas geweint. Ich sollte es zwar nicht sehen, hatte es aber dennoch bemerkt. Sie hat oft geweint, wenn die Gorrel mit mir irgendwo hin ging. Warum weinte sie wohl, ich war doch gerne mit der Gorrel zusammen. Die konnte so viele Dinge machen, die meine Mama nicht konnte. Ob sie jetzt immer noch weint? Mir war in meiner Situation jetzt auch zum Weinen. Aber Weinen darf ich nicht. Papa hat neulich noch gemeint, dass Männer nicht weinen.
Die Sonne schien durch die kleinen Fenster des Raumes, die nach meiner Meinung viel kleiner waren, als die Fenster in der Mühle; übermorgen hatte meine Tante in Hatzbach Geburtstag, da wollten wir mit der Kutsche hinfahren, hat mein Papa versprochen, und die Mama kann dann auch mitkommen. Was alles so einem einfällt, wenn alle anderen um einen herum schlafen. - Das Grummet auf der Wiese an der Hatzbacher Straße muss auch auseinander gemacht werden, damit es trocknet. Das muss heute die Gorrel alleine machen, denn ich kann ihr ja nicht helfen und meine Schwester ist noch in Neustadt in der Schule.
Warum die nur nach Neustadt in die Schule geht? Wenn ich in die Schule muss, geh ich nach Hatzbach. Dort habe ich fünf Freunde, die alle Heinrich heißen. Da soll der Lehrer mal sehen, wie er mit uns klar kommt.
Der Kopf von Tante Jetchen ist jetzt sehr weit herunter gebeugt, wahrscheinlich schläft sie sehr fest. Jetzt könnte ich ja mal versuchen, mich an ihr vorbei zu schleichen und abzuhauen.
Vorsichtig schob ich die Wolldecke beiseite und setzte mich vorsichtig auf. Das verflixte Bettgestell knarrte auch noch. Tante Jetchen schien nichts bemerkt zu haben. Ich schlich mich in Richtung Tür. Die Tür war natürlich zu. Als ich die Türklinke herunter drückte, war Tante Jetchen hell wach. Sie packte mich und ging mit mir auf den Flur. Sie sah mir fest in die Augen und redete auf mich ein. Ich empfand es teils als Beschimpfung teils als Belehrung, doch beides mochte ich so in der Art nicht. Da war die Gorrel doch ganz anders und die Mama auch. Auf leisen Sohlen ging es wieder in den Raum zurück. Sie drückte mich sachte aber bewusst auf das komische Bettchen, deckte mich zu und deutete mir mit erhobenem Zeigefinger an, dass ich nun endlich schlafen solle. Das habe ich dann auch im hellwachen Zustand befolgt.
Als die ersten Kinder wach wurden, schlief ich immer noch hellwach. Nachdem bereits alle Kinder wach waren, stellte ich mich immer noch tief schlafend. So dauerte es noch eine Weile, bis mich dann Tante Jetchen weckte. Sie hatte wahrscheinlich längst bemerkt, dass ich mich schlafend stellte.
Nun ging es in Dreierreihen auf einen Spielplatz am Transformatorenhäuschen. Wir spielten, tanzten und sangen. Das war ja gar nicht so schlecht, auf jeden Fall besser als der Mittagsschlaf. Gegen Feierabend zogen wir wieder in Dreierreihen singend ins Dorf zurück zum Kindergarten. Einige Kinder wurden von ihren Müttern abgeholt.
Die Gorrel war scheinbar noch nicht da. Ich setzte mich auf die Treppe und wartete. Als nun alle Kinder gegangen waren, gab mir Tante Jetchen zu verstehen, dass ich mit ihr auf dem Fahrrad nach Hause fahren sollte, das hätte sie mit der Gorrel so abgesprochen. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir. Wo soll ich mich denn bei der auf dem Fahrrad festhalten? Die Gorrel hat so schöne weite Röcke an, da kann man sich gut festhalten, aber die mit ihrem komischen engen Kleid und dem Jäckchen, - ob das wohl gut geht?
Beim Aufsteigen auf das Fahrrad bemerkte ich, dass es ja unterhalb von dem Gepäckträger so kleine Fußstützen hatte und hinten am Sattel war eine kleine Schlaufe zum Festhalten. Auf dem Gepäckträger lag ein kleines Kissen. Die Sitzprobe war so ganz in Ordnung. Ob die überhaupt Fahrrad fahren konnte? Eine Menge Gedanken schossen mir durch den Kopf.
"So, mein Lieber, nun halte dich gut fest, wir fahren jetzt los!" Mit diesen Worten stieg Tante Jetchen auf das Fahrrad und los ging es in Richtung Wolfsmühle. Unterwegs fasste sie manchmal nach mir, wahrscheinlich wollte sie sich vergewissern, ob ich noch auf dem Gepäckträger saß. Ich musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass sie fasst so gut Fahrrad fahren konnte wie die Gorrel.
Da, wo der Zufahrtsweg zur Wolfsmühle auf die Hatzbacher Straße mündet, saß meine Mama auf einem Grenzstein und wartete schon auf mich. Sie nahm mich in die Arme und drückte mich ganz fest an sich. Ach, das tat gut nach einem solchen anstrengenden Tag.
Meine Mama wollte natürlich wissen, ob ich auch gehorcht und mich anständig verhalten habe? Oh weh, was wird jetzt kommen, dachte ich. Doch erstaunt stellte ich fest, dass ich von Tante Jetchen nur gelobt wurde. "Er war sehr brav und hat gut geschlafen," sagte sie. Sie erwähnte mit keinem Wort, dass ich weglaufen wollte. Meine Mama schien sehr stolz auf mich zu sein. Dann verabschiedete sich Tante Jetchen, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr Richtung Hatzbach.
"Dass du so brav warst, freut mich ganz besonders", meinte meine Mama. Doch da konnte ich mit der Wahrheit nicht mehr hinter dem Berg halten. Ich erzählte meiner Mama den ganzen Tagesablauf. Ich erzählte ihr, dass ich abhauen wollte, und dass ich auch nicht geschlafen habe, weil ich immer an die kleinen Häschen, an das Ziegenlämmchen und an meinen kleinen Freund, den Spitz, habe denken müssen. Und dann sagte ich ihr noch, dass ich morgen nicht mehr in den Kindergarten gehe, denn die Lieder und die Spiele, überhaupt alles, was dort gemacht wurde, könne ich schon viel besser. Zum Schluss sagte ich noch sehr bewusst: "Und wenn ich morgen wieder dahin muss, haue ich ab und laufe in den Wald!"
Ich spürte, dass dies alles meine Mama sehr bewegte. "Wir reden nachher noch einmal mit dem Papa über die ganze Sache!" Sie wollte zunächst dieses Thema beenden.
Wir gingen den Mühlenweg hoch, ohne viel zu reden. Unterwegs nahm ich schon etwas Klee und Löwenzahn mit, der immer noch üppig am Wegesrand stand. Jetzt hatte mich mein Freund Spitz auch schon entdeckt. Mit lautem Gebell kam er zur Begrüßung angelaufen, sprang an mir hoch und fuhr mir mit seiner Langen Zunge quer durch das Gesicht. "So kann sich nur ein echter Freund freuen", dachte ich mir, und drückte meinen Spitz ganz feste an mich. Als ich meine Mutter anschaute, glaubte ich Tränen in ihren Augen zu sehen. "Jetzt brauchst du nicht mehr weinen, Mama, jetzt ist doch alles gut", sagte ich. Sie nahm mich in die Arme, drückte mich ganz fest an sich und sprach: "Ja, jetzt ist alles gut", und sie weinte noch mehr. Auf dem Weg bis zur Mühle schaute sie mich mehrmals sehr traurig an. "Was sie nur hat", dachte ich, " ich bin doch jetzt bei ihr."
In der Mühle angekommen, hatte ich keine Zeit mehr zum Nachdenken. Ich musste ja die ganze Arbeit vom Tage nachholen. Zuerst brachte ich den Hasen das mitgebrachte Futter. Dann bekam das Ziegenlämmchen seine warme Milch. Ich sprang noch schnell in das Hühnerhaus, um nachzusehen, ob noch Eier einzusammeln waren, und zum Schluss bekam der Spitz, mein bester Freund, noch viele, viele Streicheleinheiten.
Beim Abendessen, ich dachte schon nicht mehr daran, kam das Thema Kindergarten erneut zur Sprache. Papa und Mama und auch Lisbeth, meine Schwester, vertraten die Meinung, dass ich unbedingt in den Kindergarten gehen müsse. Die Gorrel hatte sich nicht eindeutig festgelegt und mein bester Freund, unser Spitz, setzte sich zu mir auf die Bank, drückte sich ganz fest an mich und leckte mir mit seiner kalten Zunge über die Hand. Ich selbst schwieg zu diesem Thema. Ich hatte mir längst schon einen Plan im Geheimen gemacht, wie ich am besten abhauen konnte, falls ich morgen wieder in den Kindergarten musste.
In der Nacht hatte ich bestimmt schlecht geträumt, denn am Morgen war mein Nachthemd noch ganz feucht. Vielleicht lag es aber auch daran, dass mein Freund Spitz wieder einmal in mein Zimmer geschlichen war und sich auf meine Bettdecke gelegt hatte. Nachdem ich mich angezogen und meine heiße Milch getrunken hatte, erklärte mir die Gorrel, dass mich Tante Jetchen wieder auf dem Fahrrad mitnehmen würde. Ich schwieg. Als es dann endlich so weit war, verabschiedete ich mich bei den Hasen, beim Ziegenlämmchen und bei Mama, die an diesem Morgen noch im Bett lag und mir gestand, dass es ihr nicht besonders gut gehe. Mein Freund Spitz und die Gorrel begleiteten mich bis zur Straße.
Unten an der Kahlsmühle kam auch schon Tante Jetchen mit dem Fahrrad. Bei uns angekommen, stieg sie vom Fahrrad, begrüßte uns sehr freundlich und streichelte mir mit der Hand über das Haar. "Du wirst Dich noch wundern", dachte ich bei mir, "heute wirst Du mich nicht erwischen, wenn ich abhaue!" Ich kletterte auf das Fahrrad und ab ging es in Richtung Speckswinkel. Mein Freund Spitz bellte ganz traurig hinter uns her, ich hatte das Gefühl, er heult.
In Speckswinkel warteten die Kindergartenkinder schon auf uns. Mit lautem Hallo wurden wir empfangen. Der Vormittag verlief ähnlich dem Vortag. Nun kam die Mittagspause und dann der anschließende Mittagsschlaf. Nachdem wir unser Frühstück verzehrt hatten, wurden wieder die kleinen Betten aufgestellt. Ich hatte am Vortag schon miterlebt, dass es dabei immer zu einem großen Durcheinander kam, sodass Tante Jetchen bei dieser Aktion voll eingespannt war. Deshalb stellte ich mich hinten an und ließ alle anderen vor.
Als das Durcheinander am größten war, nahm ich meine Frühstücksbüchse und schlich mich aus der Tür. Draußen angekommen rannte ich um mein Leben in Richtung Holzweg. Etwa in der Mitte des Holzweges stand ein großer dichter Haselnussbusch. Dort verkroch ich mich zunächst einmal und wartete ab. Kurze Zeit später hörte ich Tante Jetchen und die Kinder auch schon rufen. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Dann verstummte das Rufen.
Ich wartete noch eine Weile und kroch dann vorsichtig aus meinem Versteck. Ich schlich mich nun im Schutze der Hecke in Richtung Wald. Nun konnte ich schon den Weg sehen, auf dem wir mit den Kühen immer zum Acker fuhren. Ich schaute mich noch einmal um, ob auch niemand im Feld zu sehen war und lief dann, was meine kleinen Beine hergaben, zu diesem bekannten Weg. Auf der Wiese direkt vor dem Wald, stand ein riesengroßer Apfelbaum. Mein Vater hatte mir erzählt, dass der dem Vaupel gehörte, und dass der Vaupel noch weitläufig mit uns verwandt sei. Ich konnte nicht widerstehen, lief zum Baum und steckte mir die Hosentaschen voll mit Äpfeln.
Dann ging ich zurück auf den Weg und spazierte in den Wald. Nun fühlte ich mich sicher. Sollte ich zu Hause auf den Dachboden, hatte ich Angst, aber durch diesen Wald würde ich auch bei Nacht spazieren. Es war wunderschön in diesem Wald, lauter große Bäume mit grünen Blättern. Mein Vater hatte mir erklärt, dass dies Buchen und Eichen seien, und dass die schon sehr alt wären. Im Herbst würden sich die Blätter gelb färben und dann im Winter abfallen. Schade, dachte ich, es wäre eigentlich schön, wenn die im Winter auch noch so schön grün wären.
Mein Vater hat mir auch erklärt, warum das nicht möglich ist und warum die Blätter im Winter erfrieren würden; aber so richtig verstanden habe ich das alles noch nicht. Ich bin ja auch noch klein. Irgendwann werde ich das auch verstehen. - Dann kam ich durch ein Waldstück mit lauter Tannen und Fichten. Die würden im Winter auch grün bleiben, hat mir mein Vater erklärt, deshalb könnten wir zu Weihnachten auch ein grünes Weihnachtsbäumchen holen. Das verstehe alles, wer will.
Mittlerweile war ich am Georgsteichweg angekommen und ich konnte die Wolfsmühle sehen. Gerade fuhr jemand vom Mühlenweg auf die Straße in Richtung Speckswinkel. Ich sah, dass es eine Frau war. Als sie näher kam erkannte ich Tante Jetchen. Die hatte vielleicht ein Tempo drauf. Sicher hat die jetzt in der Mühle erzählt, dass ich abgehauen bin. Ich war noch in Gedanken, da kam noch ein Fahrrad von der Mühle.
Ich erkannte meine Schwester. Sie fuhr ebenfalls Richtung Speckswinkel. Als ich wieder zur Mühle schaute, sah ich die Mama und die Gorrel oben am Mühlengraben stehen. Sie sprachen noch miteinander. Dann kam die Gorrel über unsere Wiese direkt auf mich zu. Ich sprang aus meinem Versteck, rannte über die Wiese und ihr in die offenen Arme. "Was bin ich so froh, dass du wieder da bist und dass dir nichts passiert ist", sagte sie, und drückte mich ganz fest an sich. Gemeinsam gingen wir zur Mühle, wo Mama schon auf uns wartete. Sie nahm mich ebenfalls in die Arme, drückte mich ganz fest an sich und sagte: "Zwei Tage Kindergarten sind genug!"
"Ich habe dich doch auch so vermisst, " sagte meine Mama, " niemand war da, der mir die Kartoffel aus dem Keller und der mir frisches Wasser aus dem Mühlengraben holte."
Abends beim Abendessen waren alle der Meinung, dass zwei Tage Kindergarten für mich genug waren. In dieser Nacht habe ich herrlich geschlafen und wunderbar geträumt.